Ain’t gonna let nobody turn me round!!

Die ESG Mannheim ist nach Chicago gereist und hatte eine Begegnung mit einer schwarzen Gemeinde im sozialen Brennpunkt. Gemeinsam wurde ein Stück entwickelt über Rassismus, systematische Ausgrenzung und über die Konsequenzen der Sklaverei aber auch über die Kraft des Glaubens und die Sehnsucht nach Freiheit. Auch einige aus der Gemeinde aus Chicago besuchten uns zusammen sind wir nach Berlin zum Kirchentag gefahren, haben unser Stück aufgeführt und sind Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehamaligen US-Präsidenten Barack Obama begegnet!

Eine Reise in das unbekannte Amerika: nicht die weißen konservativen Gemeinden sind unser Ziel, sondern die vom anderen Ende der Stadt. Da wo die Leute „Black lives matter“ skandieren, weil ein Sohn, ein Bruder, ein Freund von Polizisten ermordet wurde. Da wo kein Vertrauen ist in den Staat und eine Gemeinde „10 rules to get home safely“ auf Youtube postet, damit die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde weniger riskieren in ihren Begegnungen mit der Polizei.

Wir fliegen nach Chicago und begegnen Leuten aus der schwarzen Gemeinde Trinity United Church of Christ, der wohl politisch engagiertesten schwarzen Gemeinde im Brennpunkt der Chicagoer Southside, wo Banden und Polizeigewalt, Massenverhaftungen und bittere Armut die Wirklichkeit bestimmen. Barack Obama hat hier sein politisches Standing als Sozialarbeiter und Rechtsanwalt gewonnen, seine Frau Michelle stammt von der Southside, hier wird die Obama-Foundation ihren Ort finden und weiter darum kämpfen, benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus armen schwarzen Familien neue Möglichkeiten zu eröffnen.

CU – in the mirror of God’s eyes
Gemeinsam mit jungen Leuten aus Trinity entwickeln wir ein Musiktheaterstück zur biblischen Erzählung um die Sklavin Hagar, die Ausbeutung und Ausgrenzung erfährt, dann aber Gottes Zuwendung erlebt, für den Kirchentag in Berlin. Diese Erzählung ist die Grundlage für die gemeinsame Arbeit an der Frage, was der Glaube austrägt, im je eigenen Leben und in der extrem schwierigen Situation afroamerikanischer Jugendlicher in den USA. Für unser Stück machen Kati, Filiz, Benny und Laura ein Interview mit Jack Johnson. Er ist jetzt 67 Jahre alt. Davon war er 40 Jahre im Gefängnis. 25 Jahre sind die übliche Strafe bei Mord in den USA. Er war damals bei den Black Panthers und erzählt: …irgendwie hat sich ein Schuss gelöst. Es war ein Polizist, der erschossen wurde, deswegen bekam er nochmal 15 Jahre als Strafe dazu. Trinity United Church of Christ war Jack Johnsons Rettung. Hier kann er sein, mit anderen zusammen die ähnliches erlebt haben. Er bekommt Hilfe und kann etwas Sinnvolles tun nach den vielen Jahren im Gefängnis. Jack Johnson antwortet auf die Frage: „Was die Diskriminierung gegenüber Minderheiten angeht, so ist es heute schlimmer als in den 60er Jahren in den USA. Klar, es gibt die, denen es echt bessergeht. Aber heute werden die schwarzen Amerikaner schlimmer verfolgt als 1970, als sie mich ins Gefängnis steckten.“

Dem Rad in die Speichen fallen
In der Familie von Reggie Williams sind vier Jugendliche untergebracht. Reggie Williams ist Professor für christliche Ethik in Chicago und er hat ein Buch geschrieben, das wie eine Brücke funktioniert: Eine Brücke zwischen der Kirche der Schwarzen in Amerika und unserer Kirche in Deutschland. Was ist die Aufgabe der Christen in der Welt? Manche meinen, die Kirche sei dazu da, die Menschen zu verbinden, wen sie unter die Räder gekommen sind: die sozial Schwachen, die Kranken, die Flüchtlinge. Dietrich Bonhoeffer erklärte schon 1933: Das genügt nicht. Christen müssen dem Rad selber in die Speichen greifen, müssen Unrecht und Gewalt stoppen. Der hat bei einem USA-Besuch vieles in der schwarzen Kirche in Harlem gelernt – singen, beten und auf Jesus zu vertrauen. Deshalb konnte der gebildete Pfarrer und Theologe zu einem Widerstandskämpfer werden.

Vulnerable and fragile
Wir sind in der University of Chicago, Cynthia Lindner, Professorin für praktische Theologie hat uns eingeladen zu einem Gespräch. Und da sitzen wir dann in größerer Runde: Schüler und Studierende aus Mannheim und einige junge Leute aus Trinity. Cynthia fragt die Mannheimer Jugendlichen, was sie besonders beeindruckt hat. „Ein Gottesdienst, der drei Stunden gedauert hat und gar nicht langweilig war!“ sagt einer. Eine andere erzählt von Pfarrer Otis Moss und seinem coolen Osterdinner. Dann fragt eine Studentin Cynthia: „Wie erklären Sie sich das mit Donald Trump? Warum ist er Präsident geworden?“ Cynthia wird sehr nachdenklich und meint dann: „Als Barack Obama unser Präsident war, da haben wir ihm so gerne zugehört, unserem wunderschönen klugen Präsidenten und wir haben ihm geglaubt, als er gesagt hat: „Die USA sind eins. Eine Nation aus vielen Verschiedenen.“ Wir waren sanft wie die Tauben und haben geglaubt, dass alle miteinander in Frieden leben werden, Schwarze und Weiße.

Dann haben wir diese anderen Sätze gehört und konnten es nicht fassen. Woher kam auf einmal so viel Hass? Aber wisst ihr, sie fasst sich an den Arm, als wolle sie mit dem Finger bis zum Knochen durchbohren und meint: „Als Pfarrerin und Psychologin verstehe ich auch: Ws gehört zum Menschen, sitzt uns quasi in den Knochen, dass wir so verletzlich sind. 'Vulnerable and fragile – verwundbar und zerbrechlich.'  Es ist viel mehr Angst in den Menschen als Mut und Klugheit. Trump hat es irgendwie geschafft, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit zu erreichen und ihnen Angst zu machen. Und wir in den Kirchen haben es wohl versäumt, so klug zu sein. Klug wie die Schlangen, wie Jesus das sagt und diese Angst der Menschen zu sehen. Wir werden also in Zukunft viel klüger sein müssen. Wir werden lernen müssen, es rechtzeitig zu sehen, wieviel Furcht da ist. Und wir werden versuchen, die Leute in ihrer Furcht zu erreichen bevor jemand wie Trump das tut.“

Schwarze Frauen tragen die Erfahrung der Sklaverei in besonderer Weise mit sich. Sklavenhalter haben sich der Frauen bemächtigt. Sie konnten sich nie sicher sein, sie waren Objekte und wurden dauernd von weißen Männern vergewaltigt, ihre Kinder wurden ihnen genommen, verkauft oder entfremdet. Ein Gedicht von Maja Angelou hat seinen festen Platz in der Befreiungsgeschichte der schwarzen Frauen die um die Integrität ihres Körpers kämpfen. Johari liest dies Gedicht und wenn sie sagt „I rise“, bekommt man Gänsehaut. Wir reisen ab mit neuen Freunden, neuen Liedern, vollen Herzen und vielen offenen Fragen – ich bin froh dass niemand etwas passiert ist auf den unsicheren Straßen.

Laufen ist Freiheit
Vier Wochen später reisen die Gäste aus Chicago in Mannheim an. Die jungen Leute aus Chicago sind bei ihrer Ankunft zunächst irritiert: Dauernd sollten sie laufen! Sie fragen uns, warum wir eigentlich nicht mit dem Auto fahren. Wir erklären, dass es oft länger dauern würde, mit dem Auto zu fahren, bis man einen Parkplatz hat und dass wir es genießen nebenher zu reden uns zu bewegen und dass es eben einfach normal für uns ist. Und dann Obama!! Wenige Wochen vor unserem Austausch erreicht uns der Anruf aus dem Generalsekretariat des Kirchentags: Wir haben Obama! Jetzt brauchen wir schlaue junge Leute, die mit ihm und Merkel diskutieren. Ihr habt doch da dieses coole Projekt mit Chicago – jetzt seid ihr dran!

Filiz und Benny, Sierra und Imani sollen auf die große Bühne und diskutieren! Wochen vorher haben sie angefangen nachzudenken, worüber sie reden wollen. Wenige Minuten bevor eine Fernsehsendung losgeht, werden wir Backstage gerufen und dürfen kurz der Kanzlerin und dem Ex-Präsidenten die Hand schütteln. Und Benny hat gefragt, wie Obama und Merkel verantworten könnten, dass so viele zivile Opfer durch den Drohnenkrieg umgekommen sind. Und Filiz hat gefragt, was Obama und Merkel tun dagegen, dass so viele Menschen, im Mittelmeer sterben, und zwar jetzt, nicht irgendwann. Mit ihren Fragen haben die beiden gewiss nicht die Welt aus den Angeln gehoben. Aber sie haben gezeigt: Wir denken nach und nehmen nicht alles hin, was geschieht. Auch nicht von den Politikern, die wir vielleicht schätzen.

Worum es in Geschichte letztlich geht
Sierra unterrichtet Geschichte in Chicago, afroamerikanische Geschichte, sie selbst hat den Lehrplan dazu mitentwickelt. Als wir zusammen das Mauermuseum in Berlin besuchen und ich ihr von meiner geteilten Familie im geteilten Land erzähle, sagt sie: Es ist wie die Tunnel die gebaut wurden, damals als Sklaven aus den Südstaaten In den Norden gerettet wurden. Auch hier haben wieder Menschen Tunnel gebaut, um in die Freiheit zu kommen. Ich hatte noch nie von diesem Teil der Geschichte Deutschlands gehört. Wenn ich jetzt zurückkomme kann ich meinen Schülern davon erzählen, was ich hier erfahren habe. Ich kann ihnen deutlich machen, dass es stimmt, dass wir Geschichte lernen müssen, weil sie sich sonst immer und immer wiederholen wird.

Clash of civilisation
Mit einem wilden Bus voll unterschiedlichster Leute sind wir zum Kirchentag nach Berlin gefahren. Eine etwas übermütige Idee, so verschiedene Leute zusammen zu bringen in der Hoffnung, alle könnten davon profitieren! Konfirmandinnen, Geflüchtete aus Gambia, dem Irak und Syrien, junge Schwarze aus einem sozialen Brennpunkt von Chicago und einige Schüler und Studierende aus Mannheim, ein paar Leute mit sehr wenig Geld und dann noch ein paar „normale“ Gemeindemitglieder. Und dann zurück nach Mannheim. Am letzten Abend sitzen wir zusammen, nach einer letzten Aufführung unseres gemeinsamen Stücks und einem gemütlichen Farewell Dinner im Garten der Christuskirche in Mannheim. Wir fragen nach: Was hat euch am meisten beeindruckt? Einer der jungen Leute aus Chicago sagt: „Ich habe so viel gelernt. Aber am meisten hat mich beeindruckt mit den Geflüchteten zu reden. Sie haben Leute sterben sehen, direkt neben ihnen. Sie sind durch die Wüste gelaufen, haben sich Monate lang versteckt. Sie haben Leute ertrinken sehen und jetzt versuchen sie alles, um hier als freie Bürger leben zu dürfen. Das hat mich am meisten beeindruckt: dass sie immer noch Mut haben!“

RACE
Wochen nach unserem Austausch ist Cynthia, die Professorin aus Chicago zu Besuch und sie fragt mich: What did you learn about RACE? Ich denke nach und merke, wie ich ungewohnt wortarm werde. Ich bitte sie, das nochmal zu fragen, als abends Filiz, Benny und Kati vorbeikommen. Aber auch die antworten irgendwie spröde, obwohl sie sonst immer zu allem eine Meinung haben. Die Frage begleitet uns: „What did you learn about race?“ Uns wird bewusst, dass wir trotz allem noch immer nichts wissen über Rasse und gar nicht richtig darüber reden können. Vielleicht weil in unserem Sprachgebrauch schon das Wort „Rasse“ korrumpiert ist. In den USA aber bestehen genau diejenigen, die unter Rassismus leiden darauf, dass darüber gesprochen wird. Tatsächlich haben wir in unserer Begegnung dauernd darüber geredet, dass in den USA zwar viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe leben, dass es dort aber oft nicht gelingt, gut zusammen zu leben. Imani meint: „natürlich habe ich lauter weiße Freunde, aber das ist nicht selbstverständlich oder normal. Normal ist die Segregation, jeder bleibt für sich. Das ist bei euch irgendwie anders. Aber gerade während und vielleicht auch wegen der Präsidentschaft Obamas ist der Rassismus noch schlimmer geworden.“ Das bleibt – die Frage nach dem Rassismus. Ist bei uns wirklich alles gut, nur weil wir das Wort nicht benutzen? Es gilt neu zu reden über Rassismus – das ist nicht so leicht ohne neuerlich diskriminierend zu werden. Das haben wir wohl gelernt.

ESG-Mannheim


Vergangenes wirkt fort ...

... das lassen wir uns nicht nehmen: beinahe jedes Jahr brechen wir auf zu einer kleinen Bootsfahrt auf dem Rhein auf, mit Picknick und Schwimmen. Diesen Nachmittag sollte man nie verpassen und Freunde ebenfalls mitnehmen ...

Böötchenfahren